Tide und Korallen

Auf jeder Touristeninsel auf den Malediven gibt es eine Tauchschule. Im Zeitalter des Internet sollte eine Tabelle des Tidenhubs verfügbar sein, die die Flut und Ebbe für Hulule, Male angibt. Die Universität von Hawaii stellt seit ca. 1999 diese Tabellen gegen Entgelt für viele Punkte der Erde zur Verfügung. Davor gab es ein Jahrbuch, das Listen für die südindische Stadt Cochin enthielt. Zu diesen Werten mussten ca. 45 Minuten hinzugerechnet werden, um das Minimum und das Maximum der Wasserstände herauszubekommen. Noch früher war man auf eigene Beobachtungen angewiesen. Und wo zu das alles?

Will man, behangen mit Kameras, an einem langen Riff wie z.B. in Kuramathi oder Kuredu (jeweils >2km) entlang Schnorcheln oder einen Freitauchgang unternehmen, ist es schon beruhigend vorher zu wissen, ob man Gegenströmung hat oder nicht und ob am Ende der Tour genug Wasser über der Riffkrone steht um herauszukommen oder für den Weg zurück die Kraft reichen muss. Eine prima Gelegenheit, in ziemliche Bedrängnis, wenn nicht gar in Lebensgefahr, zu geraten.

Mit eigenen Beobachtungen und anhand der Tabelle lassen sich oft sehr starke lokale Strömungen im Voraus erkennen und vermeiden. Es gibt genug „Hugos“ (Jargon der Reiseleiter für unten im Flieger in verlöteten Zinkkisten zurück reisende Passagiere) auf den Malediven. Es wird bei uns in der Presse nur peinlichst verschwiegen - selbst einst Flugzeugabstürze mit 18 Toten vor Fesdu.

High and Low Water Predictions for Hulule, Male June 2003

Die vom System Erde - Mond - Sonne verursachten Gezeiten wirken sich naturgemäß besonders auf die flachen Riffgebiete und den dort siedelnden Korallen aus. Ein bis zwei Tage nach Vollmond und nach Neumond addieren sich die gezeitenerzeugenden Kräfte von Sonne und Mond. Es kommt zu Springtiden. Die in den flachen Teilen des Riffes wachsenden Korallen wurden von der hohen Flut mit frischem Wasser und Nahrung versorgt. Sie schützten den wertvollen Strand der Inseln über Jahrtausende. Die Kraft der Wellen brach sich in den Millionen und aber Millionen von Verzweigungen, Höhlen und Öffnungen. Was die Wellen zerstörten, wuchs nach.

Jetzt gibt es keine lebenden Korallen im oberen Riffbereich zum Schutz der Inseln mehr - an keiner der ca. 1200 Inseln der Malediven.

Rund 7,5 Tage nach der Springzeit oder Springtide heben sich die Kräfte von Sonne und Mond teilweise ganz auf. Der Tidenhub ist auf den Inseln fast nicht auszumachen, es ist Nipptide.

Bei Ebbe fallen die Riffkronen trocken. Das Riff auf dem Bild, es war das kleine Hausriff vor der Bar in Kuramathi, gibt es nicht mehr. Abwässer ließen es schon damals sterben. Rote und Schwarze Bohrschwämme haben die toten Kalkreste porös gemacht, Wellen haben es regelrecht zerbröselt. Heute stehen dort Mauern um die Bar zu schützen. Die Aufnahme von 1985 zeigt Rasdoo von Kuramathi aus gesehen.

Fallen bei „normalen“ Ebben nur die Riffkronen trocken, liegen bei Nipptiden ganze Riffteile brach. Und trotzdem, die Korallen haben es seit erdgeschichtlichen Zeiten überlebt.

Wachsen Korallen in den tropischen Meeren bei Wassertemperaturen zwischen 28° und 32° C, sind die Korallen in den flachen Riffteilen hinter den Kronen seit je her an viel höheren Temperaturen gewohnt. Die Sonne heizt die Flachwasserzonen auf 36° und mehr auf. Die dort wachsenden Acroporakorallen vertrugen sogar das Trockenfallen. Ein bis zwei Stunden direktes Sonnenlicht bis zur nächsten Flut überlebten sie. Nur regnen durfte es in dieser Zeit nicht. Süßwasser lässt sie absterben, für eine intakte Umwelt war das allerdings kein Problem. Sie wuchsen einfach nach und bauten Riff und Insel weiter auf.

Eine Nipptide legt weite Teile des Riffwatts brach. Zwar liegt hier nur Geröll, aber was war für ein Leben in den Pfützen! Die Aufnahme ist von 1995 und zeigt die Insel Magala unweit von Ellaidhoo im Ari-Atoll

Wie entstehen Ebbe und Flut, wie kommt das Hydrodynamische Phänomen der periodisch schwankenden Wasserstände in allen Meeren zustande? Mehrere, sich teilweise überlappende Ursachen spielen hier eine Rolle.

1. Geophysikaliche Ursache:

Durch die Eigenrotation der Erde und der hierbei entstehenden Zentrifugalkräfte bilden sich entlang des Äquators - hier sind Kräfte am größten - zwei Wasserberge aus. Sie umlaufen dieErde von Ost nach West.

2. Einfluss des Mondes:

Durch die stark unterschiedlichen Massen der Erde und des Mondes bedingt, liegt der gemeinsame Schwerpunkt des Erde- Mondsystems ca. 4.750 km vom Erdmittelpunkt entfernt aber immer noch innerhalb der Erdkugel. Um diesen Schwerpunkt rotieren die beiden Himmelskörper.

Diese exzentrische Rotation walkt die Erde kräftig durch und bildet auf der dem Mond abgewandten Seite einen Wasserberg durch die Zentrifugalkraft und auf der dem Mond zugewandten Seite einen weiteren Wasserberg durch die Anziehungskraft des Mondes aus.

2a. Einfluss des Mondes:

Durch den Umlauf des Mondes um die Erde entsteht eine stark exzentrische Drehbewegung. Sie erzeugt die gewaltigen Zentrifugalkräfte auf der dem Mond abgewandten Erdseite.

3. Einfluss der Sonne:

Möglicher Ablauf der Gezeiten während eines Tages
A - während einer Springflut

B - während einer Nippflut

4. Weitere Einflüsse

Der Tidenhub wird auch durch die Struktur und der Tiefe des Meeresboden beeinflusst. Ebenso
starke Winde drücken große Wassermassen an die Ufer oder von ihnen weg.

Eine große Rolle spielen die Ausdehnungen der Landmassen, gerade hier auf den Malediven. Eine
Tide in einem kleinen Atoll mit nur drei Ausgängen wie im Rasdoo - Atoll (Kuramathi) verläuft
grundsätzlich anders als an einer Insel am inneren Außenriff im sehr großen, an hunderten
Stellen offenen Ari - Atoll, z. B. an Ellaidhoo oder Batala.

Hier geht der Gezeitenwechsel ohne allzu starke Strömungen vonstatten, während im Kanal
zwischen Kuramathi und Rasdoo reißende Strömungen entstehen, wenn der Meersespiegel um das
Atoll sinkt und die Lagune durch nur wenige Öffnungen des Riffs aus- oder vollläuft.

Da ein Mondtag mit 24 Stunden und 50 Minuten länger ist als ein Erdentag, verschieben sich
Ebbe und flut täglich im Schnitt um 50 Minuten.

Bei Halbmond dagegen liegen Sonne, Erde und Mond in einem Dreieck zueinander. Die Gravitationskräfte heben sich teilweise auf und es kommt zur Nippflut.

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