Nebenstraßen der Oranienburger:
Tucholskystraße, Auguststraße und Krausnickstraße
Seit 1827 hieß sie Artilleriestraße, nichts ungewöhnliches in einer preußischen Garnisonsstadt.
Den Namen von Kurt Tucholsky, 09.01.1890 bis 21.12.1935, Lieblingsdichters des Autors, trägt die Straße seit dem 31. Mai 1951.
War das in der Nachkries- und DDR-Zeit ein tristes Viertel hier in der Spandauere Vorstadt.
Nur wenige Läden, aber keine Geschäfte, gar Restaurants gab es nicht. Alles war Grau in Grau mit zerschossenen Fassaden des Endkampfes um Berlin.
Jetzt herrscht hier ein ziemlich buntes Treiben...
Wer mal die Gelegenheit hat in den Hausflur in dem Eckhaus August-/Tucholskystr. reinzuschauen, wird überrascht sein.
So ein riesiges Treppenhaus rund um einen großen, dunklen Innerenraum gibt es wohl nicht noch einmal in Berlin.
Oben, das letzte Erkerzimmer im 3. Stock, wurde in der Kindheit abwechselnd "Komandobrücke auf großer Fahrt" oder zum Zählen der "Suppentriesel" vom gegenüber liegenden Hof des Postführamtes genutzt...
Diese Straße wurde 1861 angelegt. Die Anwohner/Bauherren wollten sie nach Humboldt oder nach Schinkel benennen, aber nix da: per "Order de Mufti" wurde am 07.10.1861 die Krausnickstraße daraus. Das Kabinett wollte es so.
Dr. Heinrich Wilhelm Krausnick, (* 30.3.1797 Potsdam, † 14.12.1882 Berlin) war 26 Jahre lang der Oberbürgermeister von Berlin. Von 1834 bis 1848 und von 1850 bis 1862 war er an der Spitze der Stadt und wurde noch in diesem Jahr Ehrenbürger von Berlin.
Unterbrochen war die Amtszeit durch die Ereignisse um die Märzrevolution 1848. In seiner zweiten Amtsperiode ging seine Popularität zurück. Ob es damit zusammenhing, dass er 1861 Moabit, Wedding und Teile von und Tempelhof nach Berlin eingemeindet hatte, ist nur zu vermuten.
Story
1. Mai
Im gesamten Jüdischen Viertel um die Krausnickstraße gab es in der Nachkriegszeit nur wenige Kinder, kaum Spielgefährten. Im Böhmischen Viertel in Rixdorf, von wo aus ich bei Schulfrei und an Wochenenden gerne hier herkam, waren wir mindestens 30 Kinder - in einem Haus!
Nur Dieter Kroma (oder Kromer?) wohnte im 3. Stock unter meiner Oma in der Hausnummer 24. Er war nur 1 Jahr jünger aber mindestens genau so gefährlich. Und dieser andere Dieter K. hatte am 1. Mai Geburtstag.
Anfang der 50ger Jahre lagen auf der südlichen Seite der Oranienburger Straße noch die Schienen einer Lorenbahn. Sie enttrümmerten das Schloss Monbijou und den im Park nie fertig gewordenen Bunker, an dem sie noch 10 weitere Jahre zu knabbern hatten. Was haben die an dem Ding rum gesprengt, erst die Russen, dann die DDR. Oft flogen die Fensterscheiben in der ganzen Gegend raus, trotz geöffneter Fenster.
Der 1. Mai war dieses Jahr ein strahlend blauer Frühlingstag und wir gingen spielen.
An diesem Tag gelang es uns aber nicht, eine der schweren Loren für eine Spazierfahrt anzuschieben. Die hatten gelernt und sie so gesichert, dass 2 Knirpse nichts machen konnten. Wir kletterten auf dem von Sprengungen schiefliegenden, aber ganzen Dach des Bunkers herum. Aber es war langweilig und nichts Neues für uns. Alles war menschenleer.
Monbijoupark
Neue Synagoge
Aber heute war auch gar nichts los. Längs der Monbijoustraße waren Gewächshäuser angelegt. Nichts war reif was man klauen und essen konnte. Wir kletterten über die Versorgungsrohre über die Spree. Die Notbrücke aus Holz für den Ersatz der Monbijoubrücke war noch nicht gebaut. Es kam aber auch kein Kohlenkahn vorbei, auf den man runter pinkeln und die Schiffer zur Weißglut bringen konnte.
Wir schlenderten am Kupfergraben Richtung Dom entlang. Plötzlich hörten wir Musik. Ach ja, Maiparade, besser als gar nichts. Nur mal schauen... Da wurden wir am Kragen gepackt und waren Mitten im Aufmarsch drin. Die Kasernierte Volkspolizei stand rechts und links der Strecke so dicht, dass sie sich mit dem Arm berühren konnten. Sie ließen niemanden durch. Das konnten die doch mit zwei Berliner Jungen nicht machen! Die erste Idee, dem Kommunismus zu entkommen, klappte nicht. Wir versuchten es gegen den Strom - war aber auch eine zu blöde Idee.
Genau wie die nächste: Aus dem Stand auf Höchstgeschwindigkeit beschleunigen und durch eine Lücke... Sie fingen uns schneller wieder ein als wir denken konnten. Aber die nächste funktionierte. Wir gingen auf einen sorgsam ausgewählten Vopo zu und sagten zu ihm: "Onkel, wir müssen mal! Und wenn du uns nicht durchlässt, pinkeln wir an deine Stiefel!" War es nun der Ernst der Drohung oder die Entschlossenheit in den Gesichtern - wir kamen raus. Blöderweise auf der falschen Straßenseite und der Umweg über den Alex und die Alte Münzstrasse war lang weil ja alles abgesperrt war. Und so bin ich für immer Antikommunist geworden.
Was aus Dieter K. nach dem Mauerbau geworden ist, weiß ich nicht. Sein Vater war Chirurg im Krankenhaus an der Großen Hamburger, die Mutter Wienerin. Im Netz sind sie nicht zu finden aber vielleicht sucht er ja mal "Krausnickstraße".
"Kletterfasade"
Das Baden in der Spree war verboten. Was uns nicht sonderlich beeindruckte denn das Wasser war ja noch flüssig. Aber es war zu kalt für ein "Schwanzbad". Klamotten durften ja nicht nass werden, sonst gab es Keile zuhause. War also auch nichts. Im Sommer davor waren wir durch die Spree geschwommen und mit nacktem Hintern an der Fassade des Bodemuseums in den 1. Stock hochgeklettert. Ging prima durch die breiten Ritzen der Steinquader. Unten waren die Fenster verrammelt, aber oben kamen wir in den Kuppelsaal und waren von den mit Glasscherben übersäten Marmortreppen schwer beeindruckt, barfuß, nackt, und frierend.
Und von den beiden Marmorstatuen rechts und links der Treppe: Man konnte die kalten Brüste der schönen Griechinnen (?) anfassen. Der Rückweg war mehr ein Desaster. Drüben am Ufer, wo heute die Strandbar ist, standen die Vopos und vor ihren Füßen lagen unsere sorgsam versteckten Klamotten.....
Das Haus Krausnickstraße 24
Hier wohnte Oma. Seit Mitte der 20er Jahre. Ganz oben rechts, die vier Fenster. Das Haus ist 1861 gebaut worden, nicht gerade für die Ärmsten. Jetzt steht es unter Denkmalschutz. Die Zimmer sind großzügig geschnitten und hoch. Es gab fließend Wasser und ein Badezimmer, keine Selbstverständlichkeit damals.
Vom Küchenfenster aus ist die Kuppel der Synagoge in der Oranienburger Straße zusehen (80 m lt. Google!). Die Nazis hatten zu Kriegsbeginn die Vergoldung grau überstrichen, der folgende andere Unrechtsstaat hat es dabei belassen.
Das Haus hat auf dem Hof an jeder Seite der kurzen Seitenflügel 2 Wendeltreppen als Dienstboteneingang und über der Speisekammer auf einem Hängeboden enge Schlafplätze für die Dienstmädchen mit nur einem kleinen Fenster zur Wendeltreppe. Auf dem Hof stand eine Reihe Plumpsklos, die diese und die Keller- und Dachbewohner zu nutzen hatten.
Grundriss der Wohnung nach Gedächtnisprotokoll.
Schließlich wurde das Haus seit 50 Jahre nicht mehr betreten und alles mag jetzt nach 1,2 Mio Investitionen anders aussehen.
Der Eisbär
Der Eisbär stand aufrecht auf den Hinterpfoten und war so 3 Meter hoch. Er kam so nicht durch die Wohnungstür.
Es ist wohl die außergewöhnlichste Begebenheit, die im Haus Krausnickstraße 24 je passiert ist.
Es war in einer der schlimmen Bombennächte zum Ende des Krieges. Der Zirkus wurde getroffen und brannte. Die Häuser rechts und links der Nummer 24 waren getroffen worden und nur noch Schuttberge mit vielen Toten drunter.
Die Dompteurin der Bärengruppe und meine Tante kannten sich aus dem Lyzeum.
Alles ringsherum in Mitte brannte. Die Dompteurin irrte mit dem riesigen Tier nachts durch die Strassen und wusste nicht wohin.
So stand sie plötzlich mit dem Bären im 3. Stock vor der Tür. Sie bekamen das kleine Zimmer links und die beiden blieben 2 Nächte.
Die Geschichte wurde wieder und wieder in der Familie erzählt. Waren ja nicht mehr viel übrig geblieben: Mutter, Oma und Tante...
Auch, dass hinterher lange gelüftet werden musste weil Bärenhinterlassenschaften nun mal, na ja...
Das Bad wäre allerdings nicht wirklich geeignet gewesen, um den Bären dort unterzubringen. Außerdem konnte man ja des Tieres wegen die einzige Toilette nicht sperren.
So aber blieb das Tier mit seiner Dompteurin in Omas kleinem Zimmer und sie waren sehr dankbar dafür, durch diese Hilfe nicht auf der Straße übernachten zu müssen und dadurch auch ein bisschen mehr Sicherheit zu haben. Wenn auch nur kurzzeitig.
Im 21. Jahrhundert mit Leuchten von Artemide im Bad, kann man sich derartige Verh‰ltnisse kaum noch vorstellen. Schade eigentlich, dass solche Geschichten so schnell verloren gehen. Eine schmucke Info-Tafel im Haus, vielleicht sogar im Bad, w¸rde ganz sicher so manchen aufmerksamen Leser finden.
Als viele Jahre später der Zirkus Barlay wieder spielte - er stand dort wo heute der Friedrich-Stadt-Palast steht - gab es Vorteile.
Einmal, die ganzen großen Ferien lang, rum treiben zwischen den Tieren und all den so interessanten Artisten und ganz anders gearteten Leuten, ja, das war was!
Als dann einmal zu hören war: "... ist der Eisbärjunge...", kannte der Stolz keine Grenzen und der Entschluss, zum Zirkus zu gehen, stand natürlich unwiderruflich und unumstößlich fest...
Die Liliputaner
Im Keller rechts wohnte ein Liliputanerehepaar. Auch sie waren beim Zirkus gewesen.
Der Mann hatte einen unwahrscheinlich großen Kopf und die großen, würdevoll blickenden Augen sind in Erinnerung geblieben.
Den Eingang zur Straße nutzten sie nie. Es gab noch einen 2. rechts hinten im dunklen Flur, der noch tiefer ins Dunkle führte.
Obwohl wir - Dieter und Dieter (s. "1. Mai" unten) - vor keinem noch so frechen Streich zurück schreckten, die beiden blieben ungeschoren, ja wurden sogar verteidigt.
Gerne hätten wir mal in die dunkle Höhle geschaut, was uns nie gelang. Roch es doch an der Tür immer so eigenartig und wir malten uns allerlei schaurige Geschichten von Totenköpfen und Voodozauber, von Mitbringseln aus fernen Ländern aus.
Übrigens hatten die Zirkusleute bei ihren Kollegen in jener Bombennacht auch hier angefragt, den ausgewachsenen Eisbären für kurze Zeit unterzubringen. Der aber wollte partout nicht in den Keller.
Der Krieg hatte die Nachbarhäuser rechts und links zusammenfallen lassen und wie durch ein Wunder die 24 verschont. Gegenüber in der Nr. 2 fehlte das Obergeschoß. Da kam eben auf den 2. Stock ein Notdach rauf und das Haus war wieder bewohnbar.
Betrat man die Krausnickstraße 24, stand man in einem schmalen, aber hohen und langen Flur. Es war immer dunkel. Dunkle Fliesen mit schönen Mustern wurden an erst nach der Wende, als die Haustür noch nicht abgeschlossen war, teilweise herausgebrochen.
Hinten links geht das Treppenhaus ab, führt über den verwinkelten Ausgang zum Hof in 3 rechten Winkel nach oben.
Betrat man die Wohnung, kam man in den ersten Flur. Er war stockdunkel und hatte trotzdem dunkle Tapeten wie alle Zimmer in der Wohnung. Die Wohnung ist bestimmt größer als 150 m2.
Geradeaus das Berliner Zimmer. Das schräge Fenster ließ nur wenig Licht vom Hof herein. Die Möbel waren schwarz, das Klavier auch. Ein großer schwere Tisch hatte (ausgezogen musste die Flügeltür zum Zimmer zur Straße aufgemacht werden) Platz für 24 Personen.
Ein riesiges Vertiko mit hohem Aufsatz fasste das Geschirr für mehr als 24 Personen und die Gläser. Gefertigt aus schwarz gebeizter Eiche ließ sich das Monstrum ebenso wie der Tisch nie auch nur einen Zentimeter verrücken.
Die schönsten Möbel aber waren der dreieckige Bücherschrank in der Ecke mit all seinen Schätzen und die Standuhr mit dem senoren Klang. Der musste Nachts abgestellt werden weil er laut wie Kirchenglockengeläut durch die Räume zog.
Damals Kellerwohnung für Liliputaner, rechts von der Haustür
Das Haus kurz nach der Wende
Das Haus heute
Eckkneipe
Die letzt "Luxusplatte gegenüber des Monbijouparks kurz vor der Brücke.
Blick von der Monbijoubrücke nach Norden der Tucholskystrasse entlang
Krausnickstrasse am 1. Februar 2012, links die Nr. 25, 24, 23.....