Die ehemaligen Friedrichstraßenpassagen, heute Tacheles: Beklebte Fassade
Gebäude an der Oranienburger Straße:
Geschichte der Friedrichstraßenpassage / Tacheles
Das heute so unscheinbar graue Gebäude, bekannt durch das Tacheles, waren einmal die luxuriös gestalteten Friedrichstraßenpassagen, ein prunkvoller Bau des wilhelminisches Zeitalters. Es war nach der Kaiserpassage Unter-den-Linden der zweite Bau dieser Art in Berlin.
Es war immer ein Spekulationsobjekt, auch heute noch. Es stand nie unter einem guten Stern.
1905: Die Planung
Der Boom der Gründerjahre führte im aufstrebenden Berlin zu wilden Immobilien-, Bau- und Bodenspekulationen.
Zu dieser Zeit baute man gewöhnlich an den Straßenfronten in besseren Gegenden große Wohn- und Geschäftshäuser und in den Hinterhöfen wurde preiswert Gewerbe und billige Wohnungen errichtet, mit entsprechend niedriger Rendite für den Bauherren. Hinten Gerümpel - Zilles Milieu - vorne Luxusläden.
Als der Möbelfabrikant Otto Markiewicz das Grundstück Friedrichstraße 111 erwarb, hatte er eine besondere Berliner Bauregel zubeachten. Diese besagte, dass nur 70 Prozent eines Grundstückes bebaut werden durfte.
Der größte Immobilienhai war zu dieser Zeit die "Berliner Bau- und Terrain-Aktiengesellschaft" und Markiewicz suchte für die Planung jemand, der zu dieser Firma gute Beziehung hatte. Den fand er mit dem Kaiserlichen Baurat Franz Ahrens.
Wie heute müssen natürlich solche Projekte genehmigt werden, wie windig sie auch sein mögen. 1907 war Ludwig Hoffmann Baustadtrat (oder Stadtbaurat) und obwohl ihm ein so großes Projekt in gewachsener Wohngegend nicht gefiel, blieb ihm - wie es auch heute Baustadträten
ergeht - nichts anders übrig, als die Genehmigung zu erteilen. Trotz aller deutlich erkennbarer Tricks. So wurde erst einmal eine "Berliner Passage-Bau Aktiengesellschaft" gegründet nur um im Projekt der Friedrichstraßenpassage ein Konzept durchzubringen, das eine höhere Rendite ermöglicht.
Als Konzept sah die AG viele "kulturelle" Einrichtungen vor. Zu den unzähligen Vergnügungsstätten der Friedrichstraße sollten im Erdgeschoss überdachte Geschäfte, "Cafés", Lokale und Clubs hinzukommen. Theater- und Konzertsäle sowie Büroräume wurden in den oberen Stockwerken geplant. Und genehmigt.
Die Nutzungsdichte war nun ungleich höher als mit dem "70%-Gesetzt". Die überdachten Passagen und die Kuppelhalle wurden nun als Hoffläche anerkannt - was einem aus westberliner Zeiten irgendwie bekannt vorkommt.
Immobilienspekulation pur. Sie war maßgeblich am Zusammenbruch des berliner Grundstücksmarktes im Jahr 1912 beteiligt.
Unterhaltungsstätten wie Theater und ein Konzertsaal geplant.
1907: Der Bau
Der Komplex in der Friedrichstraße 110112 und in der Oranienburger Straße 5456 A wurde erstaunlich schnell zwischen 1907 und 1909 in Stahlbetonbauweise errichtet. In nur 15 Monaten konnte er bezogen werden und kostete 7 Millionen Mark. In dieser Zeit bauten sich alle Städte solche Gebäude mit verglasten Kuppeln und einem Kaufhaus, vielen Geschäften, Büros, eine Shoping-Mall von damals.
Heute hört sich "Stahlbetonbauweise" fürchterlich an. Jeder denkt an graue, hässliche Bauten die nach 20 Jahren von alleine zusammen fallen. Damals konnte man scheinbar viel besser mit Stahl und Zement umgehen. Selbst die Bunker des Westwalls, die in Dänemark seit 70 Jahren im Wasser der Nordsee stehen, sehen immer noch wie neu aus.
Man gab sich jede Mühe, die Passage nach dem damaligen Geschmack auszustatten. Säulengestüzte Rundbögen, Allegorien, Balustraden, Figuren auf den Portalpfeilern, Kandelaber verbargen jeden Beton. Besonders die Treppen und Brücken mit schmiedeeisernen Geländern lockerten die langen Passageabschnitte auf - pompöse Kaiserzeit eben.
Die Außenmauern wurden mit Sandstein nicht nur
verkleidet sonder aufwändig verziert. Und zwar von den Bildhauern Hans Schmidt und Richard Kühn.
Die Ausmaße der Friedrichstraßenpassagen waren gewaltig. Die Brache an der Friedrichstraße hinter dem heutigen Tacheles und die stehen gebliebenen Gebäudeteile lassen es erahnen.
Im rechten Winkel zur Friedrichstraße führte die Passage tief bis in die Mitte. Dort, in einem repräsentativen Rondell, überdacht von einer Glaskuppel, bog der Gang L-förmig ab, um zur Oranienburger Straße zu führen. Es war eine gerne genutze Abkürzung zwischen den beiden belebten Straßen.
In Höhe des heutigen Daches überspannte ein verglastes Stahlgerüst die Gänge mit den ca. 100 eleganten Läden, Restaurants, Vergnügungs- und Ausstellungsräume.
1909: Einweihung und 1. Insolvenz
Ein halbes Jahr nach der Einweihung war das Projekt pleite.
Kaum war das Bauvorhaben von der Stadt genehmigt und der Bau angefangen, änderte Markiewicz die Planung für die Nutzung. Er hatte sich zum Geschäftsführer der "Berliner Passage-Bau Aktiengesellschaft" aufgeschwungen. Er wird für ein Kultur- und Bürohaus keine Mieter gefunden haben. Jetzt griff er eine Idee aus Amerika auf. Die erste deutsche Shopping-Mall nach amerikanischem Muster sollte nun entstehen.
Einzelhandel und ein Warenhaus sollten je nach Lage und nach Einkommen unterschiedliche Mieten zahlen und sich selber verwalten, kontrolliert durch ein Syndikat und eine Zentralkasse. Modere Ideen für die Kaiserzeit, vielleicht zu früh.
Das ganze Unternehmen ging nach einigen Monaten peilte. Die verbliebenen Mieter gründeten in der Not eine "Passage-Kaufhaus-Aktiengesellschaft" und wollten auf genossenschaftlicher Basis weiter machen.
Auch das scheiterte weil jetzt Wolf Wertheim das Haus übernahm und ein Warenhaus eröffnete.
Eingang Oranienburger Straße im April 2007
1914: 2. Insolvenz
Entweder war die Kaufkraft im ersten Kriegsjahr nicht groß genug oder die Mieten zu hoch, Wertheim konnte jedenfalls die Miete nicht zahlen und riss die Passage-Kaufhaus-AG mit nach unten.
Und nicht nur die AG. Sie war mittlerweile eine Tochter des kaisernahen Fürstentrusts, die dadurch auch in die Insolvenz ging. Die Konkursmasse sicherte sich die Commerzbank.
Blick von der Friedrichstraße auf das Tacheles April 2007
1928: Leichte Wiederbelebung
Vergessen war alles: der Krieg, die Weimarer Republik, Inflation, ja und auch die Friedrichstraßenpassage. Man findet heute keine Quellen zu der Zeit zwischen 1914 und 1924.
Dann zog auf 10.000 qm2, ungefähr die Hälfte der Fläche, 1928 wenigstens die AEG ein. Deren Repräsentations- und Verkaufsräume waren abgebrannt. Am 15. September 1927 zerstörte ein Feuer die Räume in der Luisenstraße. Hier konnten zudem in bester Lage noch 20 Schaufenstern genutzt werden.
Die AEG hatte hier ihr "Haus der Technik". Wo heute das Theater des Tacheles spielt, hatte die AEG ihren Vorführsaal und hier fand Ende der 30er Jahre die erste Fernsehübertragung der Welt statt.
Die neue Sachlichkeit des Elektrokonzern veränderte den plüschigen Charakter des Hauses. Von den Hochtrabenden Plänen der Spekulanten war nichts mehr geblieben.
1930: Nazis
Anfang der 30er-Jahre zog die NSDAP ein und der letzte, nie richtig aufgeblüte Glanz verlosch nun vollkommen.
Die Deutsche Arbeitsfront eröffnete das Büro "Gau Kurmark". Sie rissen sich das Gebäude 1941 auch unter den Nagel. Die SS ließ sich mit dem "Zentralen Bodenamt" gleichfalls hier nieder.
1943: Krieg
Angeblich sollte in den Dachgeschossen mal französische Kriegsgefangene untergebracht werden. Das Haus wurde dafür umgebau und die Dachreiter wurden entfernt.
In der Schlacht um Berlin sind die Tiefkeller von den Nationalsozialisten geflutet worden. Warum auch immer, aber das Wasser ist wohl heute noch da unten drin.
1944: Zerstörung
1944 schwer bombenbeschädigt?
Wann? Wer kann hier helfen?
Was?
1948: DDR
Wer nun dachte, weiter abwärts könne es mit dem Gemäuer, oder das was noch übrig geblieben ist, nicht mehr gehen, hat die DDR unterschätzt: Nutzung bis zum Zusammenbruch, nur nichts investieren.
1948 zog der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FGDB) hier ein.
Weiter Nutzer waren:
> Läden an der Friedrichstraße,
> das Deutsche Reisebüro in der Passage
> eine Artistenschule,
> die Fachschule für Außenwirtschaft
> Büroräume von RFT untergebracht.
> die Nationale Volksarmee (Tresorräume des Keller)
Kino
Das Kino Studio Camera Berlin (Kino des Staatlichen Filmarchivs) an der Friedrichstraße musste 1957 wegen des schlechten Bauzustandes schließen.
1958 wurde der ehemaligen Vortragssaal der AEG wieder aus- und umgebaut und die Oranienburger-Tor-Lichtspiele, kurz OTL, zeigten hier ihr sozialistisch angehauchtes Programm.
1972 erfolgte ein weiterer Umbau und das Kino nannte sich wieder Camera.
1982 wurde es geschlossen.
1991 Kino-Angenehm und dann wieder Camera
2001 nach dem Umbau nennt es sich High End 54
Heute ist es der Theatersaal des Tacheles.
Das Café Zapata 12/06: Tausend mal gekündigt...
1980: Abriss
Zwei "Gutachten" der DDR von 1969 und von 1977 bescheinigten dem Komplex schwere Statikproblemen.
Obwohl einige Gebäudeteile nur wenige Schäden im Krieg davon getragen haben wurde 1980 mit dem Abriss der Passage begonnen. Sie sprengten den total erhaltenen Kuppelbau in der Mitte des Komplexes. Irgendein dieser glorreichen 5-Jahres-Pläne wollte 1990 den Rest platt machen. Die Kreuzung Friedrich- Ecke Oranienburger Straße sollte entschärft und eine Straße über das "volkseigene" Gelände geführt werden.
1989: Wende
Im Februar 1990 besetzten etwa 50 Künstler aus Ost und West die Überreste und konnten sie so vor dem weiteren Abriss bewahren. Sie bildeten das alternative Kulturzentrum Tacheles und besetzten nach alt-westberliner Methode die Ruine in der Oranienburger Straße und die freien Flächen in der Friedrichstraße.
1993 gab es ein Beschluss des Abgeordnetenhauses von Berlin. Dieser garantierte den Erhalt und die staatliche Förderung als Kunsthaus. Manche vermuten aber mehr wirtschaftliche als künstlerische Motive.
1997 Die von der Oberfinanzdirektion (OFD) erwirkten Räumungstitel gegen den Vorstand und das "Café Zapata" seit Monaten rechtskräftig sind, wurden sie bis heute nicht eingelöst.
1998 kaufte das Gelände der Fundusgruppe. Gab es so etwas ähnliches nicht schon 100 Jahre vorher?
2000/01 Der Investor versah Teil des Gebäudes an der Oranienburger Straße mit einer Glasfassade.
Postfuhramt
Oranienburger Straße