Afghanistan: Die Hauptstadt Kabul, Lehmhäuser am Hindukusch, abenteuerliche Figuren und Fahrzeuge, Mittagskanone und alte Paläste
Stand: 04.10.2007
Es war eines der schönsten Länder der Welt!
Kabul, Afghanistan!
Lebt man von 1970-1973 in dieser Stadt, in diesem Land, kommt man 1978 mit dem Auto vom Arbeitsplatz in Tehran auf dem Weg nach Pakistan hier wieder vorbei, verbringt man unter russischer Besatzung als Experte (und das als Westberliner!) für Telekommunikation wieder einige Monate zur Jahreswende 1984/85 hier, liebt man einerseits die Afghanen und das Land und ist auf der anderen Seite tottraurig.
Der Sprache - farzi dari - einigermaßen mächtig, brachte einen der Job und die Neugier und natürlich ein bisschen Abenteurertum und unvergessene Counterparts in jeden Winkel aller 29 Provinzen dieses wunderschönen Landes.
Etwas von der Schönheit des Landes, von den Bewohnern, von den damals fast mitteralterlichen Lebensbedingungen möchten diese Seiten hier vermitteln.
Mai 1970, recht früh, Blick nach Westen. Die Holzfeuer zum Teekochen für das Frühstück liegen über der Jad-e-Maiwand, der Hauptstrasse im alten Stadtteil mit ihren Lehmbauten. Die Berge im Hintergrund sind 30 km weit weg: Der Hindukusch, fast 5000m hoch. Links im Bild, die Terrasse des Kanonenberges, rechts der Hügel (Koh - e - Azamai) ist 2110 m hoch und liegt im Zentrum der Stadt. Ganz rechts die Große Moschee.
Im Vordergrund, der Rasen, gehört zum Djeschengelände (Festgelände) mit dem einzigen Stadion der Stadt. In dieser Zeit fanden hier die wilden Reiterspiele - Bushkashi - jedes Jahr im August statt. Die Soldaten des Shah von Afghanistan, Mohammad Zahir, und später die ach so ruhmreiche Sowjietarmee hielten hier ihre Paraden ab.
Nach der Vertreibung der Mr. Katschalu, der Kartoffelfresser, wie die Schurawinaffer (Russen - schon vor der Okkupation sehr unbeliebt) genannt wurden, erschossen die Taliban Frauen hier und hängten andere Unwürdige an den Fußballtoren öffentlich und vor laufenden Kameras auf - erinnern sie sich noch?
|
Info: Wetter I Kabul liegt auf 1800 m Höhe auf dem 30. Breitengrad Nord, also ungefähr südlichstes Mittelmeer. Umgeben von Bergen und Steinwüsten beträgt die Luftfeuchtigkeit kaum messbaren 5%. Es ist also staubig. Die Winter sind kurz und heftig, Schnee liegt in der Stadt meist nur im Dez./Jan und es kann nachts auf minus 35º C heruntergehen. Die Wahl der Kleidung am Tage ist dann schwierig. Wo die Sonne hinscheint, sind es 15º Plus, wo nicht, 15º Minus. Die Sommer sind warm aber es fließt kein Schweiß. Dieser verdunstet bei der Trockenheit sofort. Je wärmer es wird, desdo früher am Vormittag heizt sich die Luft über der Hochebene der Stadt auf. Explosionsartig schießt die heiße Luft dann nach oben und machen Platz für kalte Luft von den hohen Bergen. Dann verdunkelt sich die Luft mit undurchdringlichen Staubstürmen. |
Gleiche Blickrichtung wie oben. Nur einige Minuten später. Die Luft hat sich erhitzt und ist schlagartig nach oben entwichen. Stürmisch wirbelt die nachströmende kalte Luft sämtlichen Dreck und Staub auf - mit zunehmender Wärme jeden Vormittag einige Minuten früher. Schon mal schlechtes Wetter, schlechte Umstände erlebt?
Zwei Nebenstraßen der Jad - e - Maiwand in Richtung Große Moschee in den 70ger Jahren. Wenig PKW aber viel Leben. Die Karren mit der LKW-Achse heißen Karaschies und sind das Haupttransportmittel für kurze Distanzen. Da passt schon ein 2-Tonnen-PKW rauf oder, wie auf dem rechten Bild, frisch abgezogene Tierhäute. Das Dunkle sind Fliegen - schade: Geruch hat der Diafilm damlas noch nicht gespeichert.
Das Transportgewerbe lag immer in den Händen der Hazaras, die sich trotz des gwaltigen Gestanks ihrer Fracht hier gerade ausruhen. In dem Viertel lagen einige kleine Gerbereien.
Die Jad - e - Maiwand im Winter 1985. In den großen Städten hatten der Iwan die Oberhand und die Städte waren relativ sicher. Die Einwohnerzahl hatte sich deswegen von 300.000 vor der Okkupation bestimmt verfünffacht. Ebenso der Verkehr. Und die Luftverschmutzung.
Die Mittagskanone 1970
Die Reste der Mittagskanone 1985
Punkt 12 Uhr wurde von dem Baber die Kanone abgefeuert und ganz Kabul richtete sich danach. Deutsche hatten ihm die Taschenuhr geschenkt, dass es einiger Maßen pünktlich geschehen konnte. Man fuhr dann zum Essen nach hause. Die Entfernung sind ja nicht groß.
Von hier oben hatte man einen guten Blick über die südlichen und westlichen Stadtteile.
Zu Fuße des Kanonenberges eine der wenigen Tank- e - Tel. Die Lorries wurden einfach in den Kabulfluss zum waschen gefahren. Mehr Wasser führte der Fluss nie. Im Vordergrund ein Holzhandel mit den dünnen Stämmen der schnellwachsenden Silberpappeln.
Gegenüber der Kanonenmündung die "Genickscheißersiedlungen" wie sie von den Deutschen respecktlos genannt wurden. Kein Strom, kein Wasser, geschweige Abwasser. Beide Bilder sind 1970 aufgenommen.
Reichten 1970 die Häuser noch nicht hoch die Berghänge hinauf, war 1985 jeder Platz ausgenutzt: Die Stadt quwoll durch den Krieg über.
Von der alten Kanone war nichts mehr zu sehen. Die Häuser reichten aber bis zum Plateau heran. Kurz vor Sonnenuntergang bot sich dieser Blick auf den verschneiten Hindukusch der aber mindestens 50 km entfernt ist. Selten, dass es so klare Sicht gab. Wohl wegen der 20º unter Null in der kommenden Nacht.
Noch etwas hatte sich geändert: Das Mädchen trug Gummischuhe Marke "Ostblock". Denkbar ungeeignet wenn die Kälte kommt.
Das Bild entstand wie das obrige zur gleichen Zeit am gleichen Ort auf dem Kanonenberg.
|
Story Am anderen Ende der Darulaman lag der gleichnamige Palast. Dort war auch das Arbeitsministerium untergebracht und dort sollte Ende der 60er Jahre der Straßenbau in Afghanistan abgerechnet werden. Aber wer will in einem orientalischen Land schon alles so genau wissen. So brannte der Darulamanpalsat samt aller Unterlagen einfach ab bevor es dazu kommen konnte! |
Am Fuße des Kanonenberges lag der Demasang, der Platz mit dem blauen Gebäude am Ende der Ausfallstraße nach Süden, der Darulaman. Das blaue Gebäude beherbergte die Polizei und dahinter war das Gefängnis. Dort konnte man sich im Morgengrauen Hinrichtungen ansehen - wenn man bescheuert genug war und rechtzeitig davon erfuhr.
Hier begannen die Stadtviertel Kart - e - Char und weiter im Süden Kart - e - Seh, der 4. und der 3. Stadtbezirk. Das Bild unten zeigt eine der typischen Wohnstraßen. Das Haus wurde vom Autor von 1970 bis 73 bewohnt und war 1985 heruntergekommen. Der Landlord, Naim Popal, war der (westdeutsch) ausgebildete Chef der Verkehrspolizei und saß unter den Russen nun im Gefängnis.
|
Info Müllabfuhr Der Müll, oder das was der Diener nicht gebrauchen konnte, wurde gekonnt dem Nachbarn vor die Mauer gekippt. Dort wurde er noch mehrere Male durchsucht. Dann wurden magere Kühe darüber hinweggetrieben. Die fraßen alles Organische. Die Ziegen fraßen selbst Papierreste und Nachts fraßen die Hund auch noch davon und bald war alles weg. Wozu also eine Müllabfuhr? |
|
Info Diener Ohne Diener ging es nicht. Das Haus durfte nie alleine gelassen werden. Es waren begehrte Jobs. Verdiente ein Aska (Soldat) 3 DM (!), ein Lehrer 30 DM im Monat, kam ein guter Diener auf 50 - 90 DM. |
|
Story Egal, was gekocht wurde: Es wurde immer Gullasch! Im Morgengrauen fuhr Choddabachtsch (so viel wie "Gottesjunge") im Norden der Stadt mit den Rad los. Am Straßenrand wurde dann geschächtet: Kälber, Ziegen, Schafe. Er klemmte also eine Kalbshaxse unverpackt auf den Gepäcktrager und musste nun schneller fahren, denn alle Fliegen waren ihm nun auf den Fersen. War der Hausbewohner erwacht, fing es in der Küche an zu klopfen. Mit einer Schnapsflasche, gefüllt mit Wasser. hämmerte er auf den Fleischfasern rum. Gleich kam das Fleich auf den Elektroherd. Im Winter gab es aber starke Stromspannungen und das Netz lieferte statt 220 V oft nur 160 V. Dazu kocht Wasser in der Höhe von Kabul schon bei ca. 85º C und tötet damit nicht mal Keime ab. Es wurde 10 Uhr und das Fleisch machte keinerlei anstallten weich zu werden. Also wurde es einmal durchgeschnitten, noch mal um 11:00, um 11:30, um 11:45. Dann knallte die Mittagskanone und es gab wieder einmal - Gullasch! |
Gut gehende Fleischerei in Kabul mit absolut frischer Ware: Das Viehzeug hatte eben noch gelebt und war am Straßenrand geschächtet worden!
Urbanes Stadtleben, alles was man so braucht: Einen Schuster...
...Waffen und Munition...
...Vitamine...
Auf dem Weg zur Arbeit von der Kart - e -Char zum Postministerium lief schon mal eine vollkommen Blinde vor den Wagen. Viel Verkehr gab es 1970 da wirklich noch nicht.
Das Schwarze da stinkt wie die Pest und ist das sommerliche Wasser des Kabulflusses. Was der da macht, würde ein Europäer innerhalb weniger Tage dahinraffen.
Ob die Wäsche hinterher wirklich sauberer ist? Das Blaue ist nur das Spiegeln des Himmels. Das Wasser ist schwarz.
Auch im Winter hat der Fluss nicht mehr Wasser, auch nicht bei der Schneeschmelze. Aber der Fluss sieht jetzt aber sauberer aus und stinkt nicht so sehr.
| Story
Stolz war der berliner Verkehrspolizist (aus der Uhlandstr.), als endlich die Verkehrskellen für seine kabuler Kollegen eintrafen, die er so hingebungsvoll wie aussichtslos ausbildete. Batterien im Griff, rotes und grünes Licht - ein herrliches Spielzeug für einen Afghanen! Einen Tag später waren sie schon in der Stadt zu sehen. Auf der Kreuzung hinter dem Spinzarhotel stand ein stolzer afghanischer Polizist auf einem rotweißen Podest auf dem sich im Zirkus sonst die Elefanten drehen. Der Polizist hatte beide Arme ausgestreckt, in der Rechten die Kelle, im Mund die neue Trillerpfeife. Mit den ausgestreckten Armen wirbelte er nun andauernd um die eigene Achse herum "und der Verkehr blieb stehen und sah zu, wie er geregelt wurde" (Kurt Tucholsky). Ein Radfahrer verstand das offentsichtlich nicht so richtig und fuhr seelenruhig unter dem Arm mit der Kelle hindurch. Das gefiel dem Polizisten nun aber gar nicht und er hieb dem Radfahrer die Kelle in den Nacken so dass dieser vom Rad fiel. Der Polizist drehte sich längst wieder mit ausgestrecketen Armen und wild pfeifend um die eigene Achse. Schließlich mußte er ja sehen, was so los war auf seiner Kreuzung. Der Radfahrer aber rappelte sich hoch, schwang sein Fahrrad über den Kopf und hieb es dem Staatsdiener in die Kniekehlen. Mehr war nicht zu erkennen. Im Quadrat der vergehenden Sekunden wuchs die Zahl der Schaulustigen an und die Kreuzung war noch lange Zeit zu. Schließlich passierte ja sonst nichts in der Stadt und so eine Prügelei mit einer so schönen neuen Kelle mit "Halt - Polizei" gab es nicht jeden Tag. Nur der Ausbilder weinte bitterlich weil alle neuen Kellen die rauhe Luft am Hindukusch keine Woche lang überlebten.... |
Normale Lorry eines Ministeriums. Zu Erkennen an dem schwarzen Nummernschild (rechts) und der fehlenden Bemalung. Hoch angesehen sind die Fahrer, mehr als ein Lehrer: Allah hat ihnen die Kraft gegeben, so etwas großes zu bewegen...
Private Lorry im Gumrok (Zollhof). Jede Lorry war besetzt wie ein Schiff. Der Kapitän war der Fahrer, sicherlich gab es auch den Reeder (Besitzer). Mit auf Fahrt mindestens ein Bremser. Er schleppte bei jeden Halt Steine an die Räder (und liess sie dann liegen).
Auf der Brücke über dem Fahrerhaus saß bei Paßfahrten der Schmierer. Aus einem Wasserfaß ließ er mit einem Schlauch Wasser auf das Getriebe tröpfeln um es zu kühlen. Dann der Lademeister, ein paar Verwandte, Onkel-Onkelsöhne, zahlende Passagiere - volle Lastwagen oder PKW´s gab es praktisch nie.
Ein beliebtes Ausflugrestaurant war hier untergebracht. Unter der Terrasse ist ein immer leerer oder mit dunkelgrünem Wasser gefüllter Swimmingpool. Hier konnte man auch noch 1985 essen gehen. Man mußte nur vorher dem Koch die Nahrungsmittel hinbringen!
In den Ecken des kleinen, verbauten Palastes standen die Spaßutensilien mittelalterlicher Potentaten: So ein Ohrensessel, aus dem ein Kragen ausklappte - aus geschliffenen Stahlklingen! Oh, wohliger Grusel...
Das kleine Lustschlößchen Bagh - e - Bala im nordwesten der Stadt am Intercontihotel.
Die Grabstätte war als Palast von Abd - ul -Rahman (1880-1901) selber errichtet und dann von dessen Sohn Habibullah zum Mausoleum umfunktioniert worden. Sie stellt ein hervorragendes Beispiel nachgeahmter Mogul-Architektur des 19. Jhs. dar: weißes rundes Gebäude mit Zwiebelhaube und kleinen Minaretten und Anbauten.
Das Mausoleum von Amir Abd-ul-Rahman steht im Zentrum im Zarnegar-Park. Fotos vom Winter1970/71.
Die Stadtmauer wurde vermutlich im 5. Jahrhundert errichtet. Sie läuft quer über die Berge und um ganz Kabel herum. In der Siebziger Jahren war sie noch gut erhalten und durfte nicht als Materiallager zum Hausbau verwendet werden. Ob es jetzt nach der Talibanzeit noch Reste der Mauer gibt?
Die Stadtmauer in der Kat-e-Char im Abendlicht.
Drei Mal darf geraten werden, wie die Kommunisten den Palast genant haben! Richtig: Paslast des Volkes.
Komisch, das Militär sich nicht fotografieren lassen will, egal wo auf der Welt. Aus dem Auto heraus entstand das Bild und trotzdem gab´s Ärger.
Ende der Sechziger Jahre wurde in der Neustadt (Shar-e-Nau), dem bevorzugten Wohnviertel der Ausländer, diese Haus gebaut. Angeblich war da mal eine Disco drin. Der Verkehrsturm kam 1975 dazu. Heute dürfte es eine Ruine sein.
Ja, es gab wenig Sehenswürdigkeiten in Kabul und heute wird es noch weniger geben.
Das Aufregendste waren immer die Menschen, ihre Lebensweise - wenn man sie denn leben lies - und ihre Freundlichkeit.
Noch so eine Irrung der ruhmreichen Sowjetunion: Plattenbauten! Mitte der Sechziger Jahre fingen sie doch tatsächlich an, östlich der Stadtmitte in Kabul so etwas wie Berlin-Marzan zu bauen. Für ein Volk, das in Steppen und weiten Hocheben zuhause ist, wo es große Klimaschwankungen gibt, die Lehmhäuser mit ihren dicken Mauern ohne Energieaufwand vertragen, wo jeder Liter Diesel zum Heizen über den Hindukusch per Lastwagen herrangekarrt werden muß und wo die heizung nur mit dem Öffnen der Fenster reguliert werden kann! Schlichtweg eine blöde Idee.
Die "Afghanschließfächer" waren 1970 zum Teil noch im Bau.
Aber die Wohnungen wollte keiner so richt haben...
...so wurden die Wände in vielen Wohnungen wieder herausgerissen und Ministerien zogen in die immer noch winzigen Räume ein. Hier irgendetwas von der UNO.
1984 wohnten hier sehr viele Russen und die wollten ein Telefonanschluß haben. Der Lineman hatte bei der eleganten Verteilung der Anschlußleitung viel zu tun. Der Chauffeur war wohl zum Kriegsdienst nicht geeignet - zu Auto fahren allerding auch nur bedingt!
Die Bewachung allerdings war excelent. Sie half aber nicht gegen die ungezielt ins Stadtbild fliegenden Raketen chinesischer Bauart.
Land und Leute
Saluki: Der Windhund
